|
Mit zwei Militärstreichen gelangten die Jungtürken an die Macht. Der erste fand 1908 statt, als der Sultan versuchte, Aufstände zu unterdrücken und sich die Soldaten weigerten seine Befehle auszuführen. Es kam zu einer offenen Meuterei, bei der sich immer mehr Offiziere mit den Aufständischen solidarisierten. Schließlich konnten die Jungtürken, die als Abkömmling einer Militärschule im Heer Kaderstellen einnahmen und somit natürlicherweise geeignet waren, als Anführer aufzutreten, den Sultan zwingen, die Verfassung von 1876 wieder in Kraft zu setzen. Das Amt des Sultans als Staatsoberhaupt blieb vorläufig erhalten, wobei jedoch der herrschende Sultan durch seinen Bruder ersetzt wurde. Erst im Sommer 1913 konnten die Jungtürken mit einem zweiten Streich die Macht vollends übernehmen und ein Einparteiensystem etablieren.
Um in der Basis stark genug verankert zu sein, waren die Jungtürken anfänglich ein Wahlbündnis mit der armenischen Daschnak-Partei eingegangen und hatten versprochen, die Landfrage in den Ostprovinzen zu lösen. Damit einher gingen freilich auch eine Verurteilung der Pogrome von 1895/96 und das Versprechen, dass mit der jungtürkischen Machtergreifung der osmanische Despotismus der Vergangenheit angehören würde. Doch bereits in der Folge eines Gegenstreichs kam es 1909 erneut zu Massakern: diesmal traf es die Armenier in der südanatolischen Stadt Adana. Diese blutigen Ereignisse mussten das Vertrauen der christlichen Bevölkerungsgruppen in die neuen Machthaber nachhaltig erschüttern, zumal die Gleichberechtigung zwischen den einzelnen Bevölkerungsteilen stets ein politisches Schlagwort der Unionisten gewesen war.
Doch auch in der Landfrage in den Ostprovinzen mussten die Armenier bald erkennen, dass sie sich zu früh gefreut hatten: die Jungtürken waren überhaupt nicht in der Lage die Reformen durchzusetzen und später auch nicht mehr dazu willens. Aus diesem Grund wandten sich die Interessenvertreter der armenischen Gemeinschaft wieder an die internationale Gemeinschaft, die ihnen dabei helfen sollte, die versprochenen Reformen doch noch zu erreichen.
Diesen Schritt legten die Unionisten jedoch als einen Verrat an der nationalen Sache aus. Dazu muss bedenkt werden, dass die Jungtürken seit ihrer Machtergreifung versucht hatten, einen Nationalstaat nach europäischem Vorbild zu schaffen – und dabei zusehen mussten, wie das Osmanische Reich nach und nach in seine Teile zerfiel. Schon vor der Jahrhundertwende hatten die Verluste diverser Provinzen des Sultanats bei den Jungtürken zu apokalyptischen Vorstellungen geführt, um wie viel größer musste sich da die panische Angst vor weiteren Gebietsverlusten und vor dem drohenden Untergang der türkischen Kultur und des Islams ausnehmen, als nach der Niederlage auf dem Balkan tatsächlich alle Zeichen Richtung Untergang wiesen.
Vor diesem Hintergrund lässt sich nachvollziehen, wieso sich die Jungtürken derart vehement gegen die Forderung der Nichtmuslime nach Freiheit, Gleichstellung und Autonomie gestellt haben. In ihrem Erlebnishorizont konnte dies nichts anderes als eine Form der Zersplitterung des osmanischen Staates bedeuten und in der verdrehten sozialdarwinistischen Denkart lag es auch auf der Hand, dass die Christen als konspirative Elemente gesehen wurden, die als „innere Krebsgeschwüre“ möglichst bald entfernt werden müssten.
Es sollte jedoch nicht bei solchen medizinischen und chirurgischen Metaphern bleiben: bereits im Jahre 1914 begannen die Vertreibungen von Griechen in den Westprovinzen. Dabei wurde sorgsam darauf geachtet, dass die ausländischen Mächte keinen Interventions-grund fanden. Die Verjagten mussten sogar unterschreiben, dass sie das Gebiet freiwillig verlassen hätten. Akçam spricht von etwa einer Million Griechen, die „erfolgreich umgesiedelt“ worden seien. Da die Regierung diese Vertreibungen als einen Erfolg verbuchte, soll bald darauf beschlossen worden sein, die gleiche Methode auch für andere Völker des Reiches anzuwenden.
Dabei kam der Ausbruch des ersten Weltkrieges gerade recht. Am 29. Oktober 1914 beschoss die türkische Flotte die russischen Schwarzmeerhäfen Sewestopol, Odessa, Feodosia und Noworossik und provozierte damit eine Kriegserklärung seitens der alliierten Mächte. Zweifellos geschahen diese Angriffe unter dem Druck des Deutschen Reiches, das mit Konstantinopel in einem geheimen Bündnisvertrag beschlossen hatte, Russland anzugreifen. Dennoch, so Akçam, liegt der Schluss nahe, dass die jungtürkische Führung dem deutschen Drängen mehr als bereitwillig nachgab, da sie mit dem Kriegseintritt drei wichtige strategische Ziele zu erreichen glaubte: die Rückeroberung des Balkans; eine Ausdehnung des Reiches in Richtung Zentralasien, wo gemeinsam mit den von Russland besetzten turksprachigen Völkern ein großtürkisches Turan gegründet werden sollte; und schließlich eine „endgültige Lösung“ der Armenischen Frage, welche nun schon seit allzu langer Zeit wie ein Stachel in der osmanischen Politik stak. Vor allem der turanische Traum sei ein wichtiger Beweggrund für die Beseitigung der Armenier gewesen, da diese, wie Akçam weiter schreibt, „ein quasinatürliches Hindernis bei der Vereinigung mit den Turkvölkern jenseits der russischen Grenze in Mittelasien darstellten.“ Zudem gab die Beteiligung am Krieg dem jungtürkischen Regime die Möglichkeit, die ungeliebten armenischen Reformen endgültig zu bremsen und die internationalen Schulden und die internationalen Verträge über die Rechte der Ausländer aufzukünden.
Im Dezember 1914 begann der panturanistisch inspirierte Kaukasusfeldzug der türkischen Streitmacht. Nachdem sich der eigensinnige deutsche Militärhelfer Marschall Liman von Sanders, dem die Führung dieses Feldzug anvertraut werden sollte, aus militärischen wie persönlichen Gründen geweigert hatte, den Angriff zu leiten, übernahm Enver Pascha höchstpersönlich das Kommando über die Dritte Armee. Anfangs konnte er mit der raschen Einnahme von Kars durchaus Erfolge aufweisen. Doch die Stadt ließ sich nicht lange halten. Schon im Januar sollte sich zeigen, dass der hastige Angriff eine Fehlplanung war. Als nämlich die russische Gegenattacke einsetzte, wurde das türkische Militär zu rund drei Viertel aufgerieben und schmachvoll in die Flucht getrieben. Innert weniger Wochen starben fast hunderttausend Soldaten. Enver sollte die Niederlange später dem „Verrat“ der Armenier zuschreiben und damit den Grundstein für eine militärstrategische Rechtfertigung der sich anbahnenden Deportationen legen. Tatsächlich haben auf Seiten der Russen armenische Einheiten gekämpft, die sich auch aus freiwilligen Verbänden von osmanischen Armeniern zusammensetzten. Ihre militärische Bedeutung dürfte indes nicht allzu groß gewesen sein, zumal diese Truppen von Russland bald darauf aufgelöst wurden. Weniger befangene Stimmen sehen den Grund für die Niederlage in der schlechten Vorbereitung auf den Feldzug und vor allem in der mangelhaften Ausrüstung der Armee, die, wie aus deutschen Quellen immer wieder hervorgeht, für eine Kriegsführung im Winter kaum geeignet war.
Der 24. /25. April 1915 wird von allen Armeniern weltweit als das Datum angesetzt, an dem der Völkermord begann. An jenem Tag waren nämlich, unter dem Vorwand eines Aufstandes in der Provinz Van, 2345 Armenier (unter ihnen viele führende Persönlichkeiten der armenischen Gemeinschaft) in Istanbul verhaftet worden. Allerdings ist eine solche Datierung nicht unproblematisch, zumal diesem Ereignis andere Begebenheiten vorausgingen, welche bereits die Vorbereitungen für einen Völkermord erahnen ließen. So hatten die waffenfähigen armenischen Männer schon einige Zeit zuvor etappenweise Einberufungsbefehle erhalten – im Militär wurden sie jedoch nicht bewaffnet, sondern isoliert und zu primitiver Handarbeit (vor allem Straßenbau) eingesetzt.
Ab Mai setzten schließlich die allgemeinen Deportationen aller Armenier ein. Aleppo war dabei der erste Zielort und Drehscheibe. Von dort aus gingen die endlosen Todesmärsche durch die Wüste weiter in Richtung Südsyrien und in den heutigen Irak. Vor allem junge Männer wurden oft schon vor dem Beginn der Märsche aus den Ortschaften gelockt und erschossen, manchmal aber auch erst nach einer langen gemeinsamen Marschroute; die Armenier von Trabzon wurden im Schwarzen Meer ertränkt. Die Marschierenden wurden regelmäßig beraubt und standen somit innerhalb kürzester Zeit bereits ohne jegliche Nahrung und Geldmittel da. In Anbetracht dessen grenzt es an ein Wunder, dass auch nur ein verschwindend kleiner Rest der Deportierten überhaupt je ihre Zielorte lebend erreichte. Hatten die ausgehungerten Gestalten einmal ihr Ziel erreicht, bedeutete dies jedoch noch lange nicht das Ende ihres Leidens. Die Überlebenden wurden oft sofort an den nächsten Ort verschickt – bis es niemanden mehr zum verschicken gab. Im Herbst 1915 waren die Deportationen weitgehend abgeschlossen. Entsprechend konnte im Spätsommer der Innenminister Talaat Pascha dem deutschen Botschaftsvertreter Fürst Hohenlohe-Langenburg mitteilen: „La question armenienne n’existe plus.“
Die Verschickungen wurden nicht vom normalen Militär durchgeführt, sondern durch die bereits im August 1914 gegründete Teşkilat-i Mahsusa (zu Deutsch etwa: Spezialeinheit). Diese Sonderarmee, mit ihren rund 30’000 Mitgliedern, bestand zu einem beträchtlichen Teil aus Sträflingen, die per Sonderamnestie aus den Gefängnissen entlassen und ursprünglich für gezielte Angriffe im Ausland ausgebildet worden waren. Nach den Misserfolgen an der regulären Front wurde entschieden, die Banden der Teşkilat-i Mahsusa nun für die Durchführung der Deportationen zu reorganisieren: erstaunlicherweise unter-lagen diese Truppen nach ihrer Reformation nicht mehr dem Militär, sondern dem direkten Kommando Bahaeddin Şakirs, und somit dem Innenministerium.
Obwohl den meisten Armeniern schon recht früh klar geworden sein dürfte, welches Schicksal ihnen blühte, wurde dem türkischen Ausrottungsplan kaum nennenswerte Gegenwehr entgegengesetzt. Das hängt zweifellos damit zusammen, dass, wie erwähnt, zu Beginn der allgemeinen Verschickungen die armenische Elite bereits weitgehend ausgeschaltet worden war. Widerstände gegen die Deportationen und Abschlachtungen sind nur aus wenigen Städten bekannt; und davon waren bloß zwei erfolgreich: der von Van und der von Musa Dagh.
Die Tatsache, dass die Armenier während den Verschickungen nicht nur Massakern, sondern auch Hunger, Durst und Krankheiten zum Opfer fielen, hat es bisher der türkischen Apologie erleichtert auf das Umfeld unter Kriegsbedingungen zu verweisen. Denn tatsächlich sind, anders als später im nationalsozialistischen Deutschland, keine Einrichtungen, respektive baulichen Maßnahmen bekannt, welche eine „aktive Aus-rottung“ der Armenier belegen könnten. Andererseits lassen aber genau der Mangel jeg-licher Vorbereitungen für die Ankunft der Vertriebenen und das konsequente Ablehnen von internationalen Hilfsangeboten darauf schließen, dass es gar nie geplant war, dass die Deportierten ihre Zielorte erreichen würden – und falls doch, so sollten sie dort wenigstens nicht überleben. Dazu steht in einem Bericht eines „neutralen Augenzeugen“ über die Lager in der mesopotamischen Wüste, der vom amerikanischen Hilfskomitee für Armenien und Syrien veröffentlich wurde: „Bei allen Maßnahmen, die man getroffen hat, um diese ganze Bevölkerung in die Wüste zu transportieren, hat man in keiner Weise für irgendwelche Ernährung Sorge getragen. Im Gegenteil, es ist ersichtlich, dass die Regierung den Plan verfolgt hat, sie Hungers sterben zu lassen. Selbst ein organisiertes Massentöten [...] würde eine sehr viel menschlichere Maßregel gewesen sein, denn es würde diesem erbarmungs-werten Volk die Schrecken des Hungers, den langsamen Tod und die entsetzlichsten Schmerzen unter raffinierten Torturen, wie sie grausame Mongolen nicht erdacht haben würden, erspart worden sein.“ Diese Einschätzung bestätigen auch andere Berichte von Zeitzeugen. Der amerikanische Botschafter Henry Morgenthau beispielsweise stellt dazu in seinem Tagebuch fest: „Der eigentliche Zweck der Deportationen war Raub und Zerstörung; es handelte sich in Wirklichkeit um eine neue Methode des Massakers. Als die türkischen Behörden den Befehl für diese Deportationen erteilten, verurteilten sie ein ganzes Volk zum Tode; sie waren sich dessen sehr wohl bewusst und versuchten dies in Gesprächen mit mir auch nicht zu verbergen.“ Ähnliche Einschätzungen der türkischen Politik lassen sich auch bei vielen anderen Zeitzeugen finden, die sich während der Deportationen im Osmanischen Reich befunden haben. Immer wieder tauchen auch die albtraumartigen Beschreibungen auf, wie sie beispielsweise der unbefangene Schweizer Arzt Jakob Künzler wider gibt: „Musste man um diese Zeit etwa über Land, so stiess man überall auf menschliche Kadaver, die aller Orten herumlagen. Wenn auch ab und zu die Getöteten verscharrt wurden, geschah dies doch mangelhaft, dass die wilden Tiere die Leichen wieder hervorzerren konnten. Auch auf blutgefärbte Orte, wo die Leute umgebracht worden waren, stiess man. Es war ein Jammer, eine Not, wie ich sie nie, selbst hier im Lande der chronischen Not, gesehen habe. Und doch hatte das Schlimmste noch nicht einmal begonnen.“
Auch wenn hier nicht der Ort sein kann, um über genaue Opferzahlen (exakte Angaben darüber gibt es naturgemäß nicht) zu spekulieren, so soll doch auf die Größenordnung verwiesen werden. Die Zahlen, die sich üblicherweise in der Literatur finden, sind in der Regel Schätzungen, denen die Gesamtzahl der Armenier im osmanischen Reich zugrunde gelegt wird. Je nach Quelle unterscheiden sich diese Zahlen jedoch erheblich. Gemäß dem armenischen Patriarchen waren das rund 2,1 Millionen Menschen. Die zeitgenössischen türkischen Quellen sprechen von 1,3 Millionen. Die Zahl der Opfer, die auf dieser Grundlage errechnet werden, schwankt zwischen 600’000 und 1,5 Millionen. Die „Türkische Historische Gesellschaft“ spricht von etwa 150’000 Toten – eine Zahl, die unbestritten zu tief angesetzt ist.
|